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Archive für November 2009
Spiritistische Aspekte einer fruchtbaren Erziehung
17.11.2009 von Cleide Ferreira.
Vortrag von Hubert Wißkirchen am 7. 11. 2009
Bevor wir in das körperliches Leben eintraten, hatte unsere Seele bereits bestimmte Vorstellungen darüber, in welcher sozialen, psychischen und geistigen Umgebung sie ihren Platz finden wollte. Das heißt, unsere Seele suchte sich bereits im Jenseits der feinstofflichen Welt ein ihr spezielles familiäres und gesellschaftliches Umfeld – und damit auch dementsprechende Eltern – aus. Die Seele wollte also freiwillig in einen Körper inkarnieren, um im Rahmen eines ihr bekannten Planes hier auf der Erde ganz bestimmte Lernerfahrungen zu sammeln.
Wenn wir von dieser unumstößlichen Vorstellung des Spiritismus ausgehen, so bedeutet das, dass wir keinesfalls als Tabula-rasa-Wesen bzw. unbeschriebenes Blatt zur Welt kommen. Vielmehr folgt jeder Mensch, wenn er in diese Welt tritt, dem eigenen seelischen Willen, der in seinen Grundzügen von schicksalhaft vorgeprägter innerer Natur ist. In ihr widerspiegelt sich die göttliche Schöpfung des Menschen. So gesehen ist jedes seelische Leben vom Ursprung her rein innerlich – und damit spirituellUnterform des Begriffs Spiritualität. Das heißt, die Spiritualität ist der Oberbegriff aller transzendenten Bewußtseinsströmungen. Aus ihm resultieren ganz bestimmte spirituelle Formen und Inhalte. Sie zeigen sich zum einen in der Existenz diverser Religionen (ich nenne hier nur das Christentum, den Islam oder den Hinduismus). Zum anderen existieren zahlreiche esoterische Glaubensrichtungen, die nicht direkt einer Religion angehören – und zu denen auch der Spiritismus zählt.)
Was bedeutet das nun konkreter? Zunächst ist es so, dass die Existenz jedes Menschen von zwei großen Grundströmungen umschlossen ist. Die erste Grundströmung kommt vom Ur-Sein her – oder, wie es in der Heiligen Schrift heißt, von dem Geschaffensein. Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, nach seinem Bilde schuf er ihn als Geistwesen. Thomas von Aquin drückt das mit den folgenden so zutreffenden Worten aus: „Der Mensch ist ein geistiges Wesen, das mit einem Körper bekleidet ist!“ Egal, ob wir dieses Faktum das Ur-Sein, das „innere Selbst“, die „Ur-Idee“, den „Ur-Sprung“ oder den „ersten Ur-Grund“ nennen, es weist alles auf ein Bild, auf ein Imago hin, demzufolge wir in unserem geistigen Sein von Gott geschaffen sind. Auf dieses geistige Sein, das, wie alles Ewige, keine Geburt und keinen Tod kennt, können wir jederzeit in uns zurückgreifen und Rücksprache mit ihm nehmen.
Besonders ausgeprägt ist dieses Ur-Sein in jedem Säugling und auch Kleinkind, da beide viele ihrer Wahrnehmungen noch ganz aus dem Ur-Sein heraus empfangen. Das hängt primär damit zusammen, dass in dieser Zeit das Kind noch über kein oder nur ein sehr schwach ausgeprägtes Ich-Bewußtsein verfügt. Denn das Ich-Bewußtsein des Kleinkindes entwickelt sich erst etwa ab dem 16. Lebensmonat. Deshalb wird besonders die Seele des Babys während der ersten 16 Monate stark durch seine noch ich-lose intuitive, innere Medialität gesteuert, die eng mit dem Jenseits – der transzendenten Welt – verknüpft ist. Hinzu kommt, dass der Säugling in den ersten Monaten tagsüber noch viel schläft und vor sich hin döst. Deshalb befindet sich seine Seele während dieser Zeit in starker Rückbindung zur feinstofflichen Welt des Ur-Seins. Das Ur-Sein können wir außerdem mit dem Bild vom „Himmelreich“ gleichsetzen, das uns Jesus gibt.
„Lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich!“, so spricht Jesus zu uns Erwachsenen. Er meint damit, dass wir das eigentliche, das wahre, glück- und sinngebende Leben nur in unserem Inneren erfahren und finden können. Folglich weist Jesus darauf hin, unser Leben wieder auf den Lebensort zu konzentrieren, an dem die noch kleinen Kinder den Mittelpunkt ihrer Existenz erleben: in der raum- und zeitlosen Innerlichkeit.
Kommen wir nun zur zweiten Grundströmung des Lebens, der jeder Mensch unabdingbar unterliegt. Sie gehört dem Gesetz der Dualität oder Kausalität oder des Ursache-Wirkungs-Kreislaufes an und unterliegt deshalb dem Phänomen des permanenten äußeren Werdens. Folglich steht das äußere Werden – und das ist besonders wichtig – unter der Vorherrschaft unseres Ich bzw. des Egos. Dieses Ich bzw. Ego folgt dem Diktat der Außenwelt mit allen ihren nur denkbaren, durch Raum und Zeit begrenzten materiellen wie ideellen Existenzformen, Ansprüchen und Vorstellungen. Sie zeigen sich zum Beispiel in den Dualitäten
Gut / Böse, Hell / Dunkel, Frau / Mann, Kind / Erwachsener, Liebe / Haß oder Richtig / Falsch.
Im Rahmen dieser Dualität des Werdens, die oft auch als „evolutionärer Fortschritt“ verstanden wird, findet nun die Erziehung ihren eigentlichen Platz und Auftrag. Mit ihrer Hilfe und Kraft soll das Kind zu einem – wie immer auch definiert – lebensfrohen, erfolgreichen und sinnerfüllt lebenden Menschen werden, der möglichst gut in das jeweilige Gesellschaftssystem passt.
Im Gegensatz zur früheren kulturellen Menschheitsgeschichte, in der die Erziehung einen unverzichtbaren transzendenten Vermittlungs- und Bildungsauftrag hatte, der das Kind sowohl spirituell als auch spiritistisch prägte, ist das in den meisten modernen Gesellschaften immer weniger der Fall. Zumeist haben sie die Spiritualität und den Spiritismus längst aus dem Programm gestrichen und dafür das „Kulturprojekt moderner materialistischer Mensch“ (Thorwald Dethlefsen) zu ihrem neuen Gott erhoben. Und so verwundert es nicht, dass das Kind unter einem transzendenzfeindlichen, dafür aber umso mehr materialistisch-technologischen und rational fixierten Welt- und Menschenbild erzogen und sozialisiert werden soll.
Folglich beabsichtigt die gegenwärtige Erziehung in erster Linie nichts anderes, als das Kind nur an die kausalen Gesetze des unentwegten Werdens bzw. Außer-sich-Seins flexibel und lernmotiviert anzupassen. Dabei wird ihm auch nicht mehr glaubhaft vermittelt, dass es höhere transzendente Kräfte gibt, die jenseits aller wissenschaftlicher Vernunft und Erfahrung liegen.
So erfährt das Kind nichts von der transrealen Existenz einer Geister- und Seelenwelt mit all ihren medialen Botschaften und Zusammenhängen. Deshalb wird ihm auch nicht vermittelt, welche Bedeutung und Kräfte zum Beispiel die Schutzengel oder Führungsgeister mit ihren medialen Einflüssen haben. Das birgt die Gefahr in sich, dass das Kind seine Lebens- und Sinnexistenz nur im Blickfeld irdischer Polaritäten erfährt. Hierbei wird ihm vermittelt, dass die Entstehung allen Lebens nur biologisch-chemisch erklärbar ist. Demnach beginnt es erst mit der Zeugung bzw. Geburt und endet mit dem Tod für immer. Es gibt also keine über das biologische Leben hinausreichende Existenz in Form einer ewigen universellen und zugleich individuellen Seele.
Eine solche Auffassung ist natürlich mehr als einfältig im Sinne von begrenzt, eindimensional und extrem materialistisch. In ihr zeigt sich ein anti-spirituelles Denken, Fühlen und Handeln. Es reduziert den Menschen und seine Welt auf ein fast nur naturwissenschaftlich erklärbares Zufallsprodukt der Evolution. Ein solcher Mensch trägt, wie gesagt, nichts Höheres und Ewiges in sich, – zumindest nicht, was wissenschaftlich beweisbar wäre.
Wenn das Kind unter einem solchen oder ähnlichen Weltbild aufwächst, so wird ihm der geistige Wesenskern seiner Person von den Erziehern vorenthalten. Dem Kind wird deshalb nicht vermittelt, dass es neben allen irdischen Gesetzmäßigkeiten und Belangen, durch die es beeinflusst wird, zuallererst ein spirituelles Wesen ist, dessen unsterbliche Seele aus einer anderen Dimension kommt und mit dieser ewig und untrennbar verbunden ist.
Diese andere Dimension bezeichnet der deutsche Theologe und Mystiker Willigis Jäger die „Erste Wirklichkeit“. In ihr erkennt er das unsterblich EINE, den göttlichen Ur-Sprung. Aus ihm entfaltet sich das gesamte Universum und kehrt dorthin wieder zurück. Dieses EINE beinhaltet, umschließt und bewirkt alles.
Der Glaube an dieses EINE existiert, seit dem sich der Mensch als spiritueller Mensch zu erkennen begann. Es zeigt sich in allen Religionen, spiritistischen Lehren sowie in den meisten Philosophien. Der Glaube an das EINE kommt auch besonders bei Platon zum Ausdruck. Vor allem im „Höhlengleichnis“ vermittelt uns Platon die Erkenntnis von der Unsterblichkeit der Seele. Sie hat ihre wahre Heimat im Ur-Sein. Im Ur-sein sind auch Platons „ewige Ideen“ verankert. Sie kommen vor allem in der Idee des „Guten“ zum Vorschein.
Die Idee des „Guten“ ist die Richtschnur dafür, was der Mensch wirklich für wahr, richtig und schön erkennt. Aber was ist nun das wirklich Wahre, Richtige und Schöne? Der Mensch findet es nicht in der Außenwelt des Werdens; oder, wie Platon es bildlich sagt, der Mensch ent-deckt das „Gute“ nicht in der dunklen Höhlenwelt: Denn dort glaubt und tut er nur das, was er mit seinen körperlichen Sinnen wahrnimmt und in ihnen die einzige Realität sieht. Stattdessen ist das wahre „Gute“ in einer ganz anderen Dimension zu finden. Um sie zu finden, muß der Mensch zunächst beginnen, an den Bildern, die ihm die Höhlenwelt zeigt, zu zweifeln, sofern sie für ihn nicht mehr die wahre Wirklichkeit sind.
Warum jedoch soll der Mensch diesen Zweifel wagen? Die Antwort darauf gibt Platon, indem er unsere Vernunft bemüht. Sie ist das Instrument schlechthin, mit dem unsere angeborenen „ewigen Ideen“ zur richtigen Erkenntnis kommen können. Bei näherer philosophischer Betrachtung signalisiert uns die Vernunft, dass das wahre „Gute“ niemals im Dunklen, Halbdunklen oder Trüben, das heißt, nicht in der grobstofflichen Welt der Dualität zu finden ist. Vielmehr zeigt sich das wahre „Gute“ nur in der Feinstofflichkeit des Hellen oder Lichten, das seine Heimat im Ur-Sein oder der Einheit findet.
Deshalb fordert Platon den Menschen auf, den Weg aus seiner Höhle zu gehen, um nach der Dimension des Lichtes zu streben, die außerhalb der Höhle auf ihn wartet. Denn nur auf dem Weg kann der Mensch zu seiner eigentlichen Freiheit finden, indem er sich als spirituelles Seelenwesen erkennt.
Der Weg aus der Höhle ist gewiß ein immer wieder auch schwieriger, von Unsicherheiten und Ängsten begleiteter Prozeß der Selbstüberwindung und Selbsterkenntnis. Der Weg ist deshalb so schwer zu gehen, weil er den Menschen dazu aufruft bzw. daran erinnert, das Ziel des Lebenssinns nicht vorwiegend in den irdischen Dingen zu sehen.
Ich darf Platons spirituelle Kerngedanken noch einmal kurz im Rahmen von drei Punkten zusammenfassen:
· Die unsterbliche Seele hat weder Anfang noch Ende und gehört dem Ur-Sein an.
· Da die Seele unsterblich ist und sich schon oftmals in einen Körper inkarnierte, sind in ihr viele unterschiedliche Erfahrungen gespeichert.
· Dank ihrer Vernunft, mit der die Seele ausgestattet ist, kann sie sich vor allem an die „ewigen Ideen“ wiedererinnern, in denen besonders das wahre „Gute“ beheimatet ist.
Aus diesen drei Punkten ergibt sich ein vierter Punkt. Er spricht die daraus resultierenden pädagogischen Konsequenzen an und lautet:
Erklärtes Hauptziel aller Erziehung ist, dass bereits dem Kleinkind diese Wiedererinnerung an die „ewigen Ideen“ ermöglicht wird. Demzufolge kommt das Kind nicht als seelenloses oder unbeschriebenes Blatt zur Welt, das sein Leben vom „Nullpunkt“ an beginnt. Somit hat die Erziehung beim Kind auf dem aufzubauen, was es im Rahmen der „ewigen Ideen“ an seelischen Eigenschaften und Bildern aus dem Jenseits mit auf diese Welt bringt.
Hierbei ist es mit die wichtigste Aufgabe der Erzieher, das Kind so zu begleiten, damit es der Existenz seiner unsterblichen Seele Glauben schenken kann – sich also als spirituelles sowie spiritistisches Wesen zu begreifen lernt. So gesehen erfährt die Erziehung auch wieder verstärkt den Sinn und Zweck, den sie von ihrer Wortbedeutung her hat: Denn das Wort Erziehung kommt aus der lateinischen Sprache und heißt so viel wie die „Herausführung“ oder das „Hochziehen“ aus einem bereits seelisch vorgeprägten und ewig Existierenden.
Jedoch wäre es ganz falsch, die Erziehung des Kindes nur einseitig im Licht der spirituellen Dimensionen zu sehen. Das ist dann der Fall, wenn man glaubt, dem Kind die Erfahrung mit den irdischen und damit sinnlichen Phänomenen möglichst zu verbauen.
Ein solches Tun wäre schon deshalb fatal, weil die Seele des Kindes sich auf dieser Erde inkarnierte in der Absicht, hier ganz bestimmte körperlich materielle bzw. sinnliche Erfahrungen zu sammeln, die es für seine weitere spirituelle Entwicklung benötigt.
Folglich geht es um eine Erziehung, welche die Bewußtseinsentwicklung des Kindes nicht nur im Sinne von Seele und Geist anstrebt, sondern auch dessen leiblich-sinnlichen und damit materiellen Erfahrungen unersetzliche Bedeutung schenkt. Jedoch dürfen – nochmals gesagt – die vom Kind unbedingt zu sammelnden weltlichen Erfahrungen nicht zum Hauptziel seines Lebens werden.
Im Weiteren versuche ich einen näheren Einblick in die Zusammenhänge und Notwendigkeiten einer spirituellen und spiritistischen Erziehung zu geben. Zunächst tue ich das mit den Worten von Kahlil Gibran.
Seine pädagogischen Gedanken zeugen von großer Weisheit sowie Sensibilität. In meinen Augen beinhalten sie alle die wesentlichen Eigenschaften, die Eltern und Erzieher besitzen sollten, um das Kind bei der Persönlichkeitsentwicklung, die zwischen seinem Werden und Sein verläuft, sinnhaft zu begleiten. Gibrans Gedanken lauten wie folgt:
Eure Kinder sind nicht eure Kinder,
sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht
des ewigen geistigen Lebens nach sich selber.
Zwar kommen sie durch euch, aber nicht von euch.
Und obwohl sie bei euch sind, ghören sie euch doch nicht,
denn sie gehören dem universellen Geist an, der
der Schöpfer von allem ist.Ihr sollt den Kindern eure Liebe geben,
ihr sollt ihren Körpern ein Haus geben,
aber verändert nicht ihre Seelen.
Denn ihre Seelen sind in einer anderen Welt zu Hause.
Deshalb versucht nicht, die Seelen der Kinder euren Seelen anzupassen,
denn das irdische Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt
es im Gestern, Heute und Morgen.
Ihr seid der Bogen, von dem eure Kinder als lebende
Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze Gott sieht das Ziel auf dem Weg der
Unendlichkeit und Er spannt euren Bogen mit all Seiner Macht,
damit seine Pfeile – eure Kinder – schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der göttlichen Hand des Schützen auf Freude,
Sinn und Geist gerichtet sein.
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt,
so liebt Er auch den Bogen,
der fest ist.
Wie sind nun die Worte von Gibran näher zu verstehen?
Zunächst bestätigen sie, dass das Kind weder unser materieller noch sonstiger Besitz ist. Denn, obwohl wir Eltern das Kind biologisch gezeugt und empfangen haben, gehört uns seine Seele nicht, da sie ihr wahres Zuhause in der spirituellen Welt hat.
Von Buddha stammt der hierzu passende Satz: „Wie das Schiff im Wasser sein soll – das Wasser aber nicht im Schiff, so soll die Seele in der Welt, die Welt aber nicht in der Seele sein!“ Übertragen wir die Worte Buddhas auf die von Kahil Gibran, heißt das: Den Eltern in ihrer Funktion als „Bogen“ obliegt es, den „Pfeil Kind“ möglichst weit und gut fliegend in die Welt hinauszusenden. Dabei haben die Eltern zu beachten, dass die Seele des „Pfeiles Kind“ trotz aller wichtigen materiellen Bedürfnisse und Aufgaben nicht die Ausrichtung auf das Spirituelle verliert.
Hierbei kommt es wesentlich darauf an, dass die Eltern und Erzieher in der kindlichen Seele ein Bindeglied zwischen Körper und Geist sehen. Das heißt, weder das Kind in seiner nur körperlichen Erscheinung, seine Umwelt noch die Erzieher sind die allein entscheidenden Akteure bei der Erziehung. Vielmehr kommt noch ein ganz entscheidender anderer Einfluß hinzu: Er liegt in der individuellen Beschaffenheit der kindlichen Seele.
Vor allem an ihr haben sich die Erzieher zu orientieren, wenn es darum geht, wie der Erziehungsbogen gespannt sein soll, und wie weit, in welcher Richtung sie den „Erziehungspfeil Kind“ aussenden sollen. Denn in dieser göttlichen Beschaffenheit der Seele liegt der wahre Kern menschlicher Individualität mitsamt den karmatischen Bedingungen. Gerade sie sind für die weitere Persönlichkeitsentwicklung von größter Bedeutung.
Eltern und Erzieher, die darüber ein Bewusstsein erlangt haben, wissen folglich, dass das Wie der Bogenspannung Ausdruck spiritueller Selbsterkenntnis und, damit eingeschlossen, ihres inneren Wissens ist, „nur“ Mitspieler universeller göttlicher Kräfte zu sein.
Aus den dargelegten Gründen muß sich die gegenwärtige Erziehung wieder verstärkt auf die Erweckung spiritueller Dimensionen konzentrieren. Diese Forderung hat überhaupt nichts mit einem realitätsfernen Denken zu tun. Sie ergibt sich schon aus der Tatsache, dass zunehmend mehr Heranwachsende von sich selbst aus ihre spirituellen Empfindungen und Bedürfnisse nicht nur benennen, sondern sie auch aktiv ausüben. Wie der Religionssoziologe Michael Ebertz hierzu bemerkt, „verschwindet Spiritualität nicht, sie wandert“ nur. Das zeigt sich zum Beispiel im wiedererwachten Interesse an den fernöstlichen Religionen, aber auch in der Neubelebung diverser Glaubensgemeinschaften mit vor allem mystisch-transzendenter Ausrichtung. Und ebenso widerspiegelt sich die Sehnsucht nach Transzendenz in der Anziehungskraft, die spiritistische Gruppen und Vereine haben.
Abgesehen davon sind wissenschaftliche Teilbereiche der Psychologie der festen Überzeugung, dass jeder neu- oder wiedergeborene Mensch so etwas wie einen „transzendenten Kern“ mit auf diese Welt bringt. Vertreter der Auffassung sind unter anderem die weltbekannten Psychologen Carl Gustav Jung, Jean Piaget, Abraham Maslow und Viktor Frankl. Der „transzendente Kern“ zeigt sich nach ihrer Überzeugung besonders in den archetypischen, magisch-mytischen Bewußtseinsformen des Kleinkindes. Diese zeigen sich bei ihm in so genannten infantilen Assoziationen, Sinnesempfindungen und Fragen wie denen nach der Existenz und dem Wirken des lieben Gottes; der Existenz und den Aufgaben der Engel oder anderer Lichtgeister, nach dem Ort und der Beschaffenheit des Himmels oder der Herkunft, dem Weiterleben bzw. Verbleiben von Lebewesen vor und nach dem Tod.
Im Weiteren zeigt sich der „transzendente Kern“ ebenso in den mystischen Bedürfnissen. Vor allem in Form bildlicher und atmosphärischer Transparenz trägt das Kleinkind das Mystische in sich bzw. wartet darauf, es zu erleben. Das lässt sich erzieherisch zum Beispiel anhand des Einsatzes von spirituell-spiritisch gestalteten Bilderbüchern, Geschichten, Gesprächen, dem Gebrauch von Kerzenlichtern, Weihrauchgerüchen, sphärischer Musik, meditativen Gebeten und Stilleübungen sowie den gemeinsamen „Blick in den sternenbesetzten Himmel“ erreichen – dort, wo jetzt die Seelen der Verstorbenen leben und auf uns „herunterschauen“.
Die existenzielle Bedeutung der magisch-mythischen wie mystischen transzendenten Bedürfnisse belegt auch eine wissenschaftliche Studie über den „Kinderglauben“. Sie befragte drei- bis fünfjährige Kinder danach, wie deren Bild von Gott aussieht. Hierzu einige Aussagen: „Gott ist ein kräftiges, mit besonderen Fähigkeiten ausgestattetes … Superwesen.“ Zu seinen wichtigsten Eigenschaften gehört das „Alles-Sehen, das Alles-Hören, das Alles-Wissen, das Fliegen, das Zaubern-können“ und, wenn man mit ihm betet, sein oftmaliges Eingreifen im Sinne von „Hilfe und Ordnung“. Im Weiteren wird Gott mit „Augen, Ohren und Händen“ ausgestattet gesehen. Weil er jedoch zugleich als Geistwesen erkannt wird, bedeutet das in den Augen der Kinder, dass er „durchsichtig und überall anwesend ist“. Die von ihm geschaffene Welt gleicht einem großen Haus. In diesem „Welthaus“ hat alles seinen Platz, und alles hat einen bestimmten imaginären Sinn, sodass Gottes Tun ziel-, sinn- und menschengerecht verläuft.
Außerdem ist es in den Augen der Kinder diesen Alters auch selbstverständlich, dass zum Beispiel ihre verstorbenen Omas und Opas als Engel oder sonstige Lichtwesen immer „vom Himmel aus auf sie herunterschauen“. Sie wissen also bescheid über das, was die Kinder und Eltern denken, fühlen und tun. Und umgekehrt kann man sich in seinen Gedanken und Handlungen jederzeit an die Verstorbenen wenden. Obwohl sie nicht direkt antworten können, verstehen sie die Wünsche und Sorgen der Menschen trotzdem und können ihnen bei den Problemen, die sich mit sich und der Welt haben, immer wieder helfen.
Mit den Beispielen versuchte ich aufzuzeigen, welche ganz natürlichen spirituellen und spiritistischen Assoziationen und Gedanken kleine Kinder in ihrem Innersten gespeichert haben, ohne dass die Erwachsenen sie dabei besonders ermutigen oder begleiten müssen. Bereits das Interesse, den Kindern aufmerksam zuzuhören genügt oft schon, um sie in ihren imaginären Schilderungen und Sichtweisen positiv zu unterstützen. Im Weiteren darf ich noch einige erzieherische Durchsagen aus der spiritistischen Welt wiedergeben. Sie sind dem Protokoll „Medialer Arbeitskreis“ aus dem Jahre 2005 zum Thema „Kinder, Jugendliche und Erziehung“ teils wörtlich, teils sinngemäß entnommen.Frage: Was verbindet ihr mit einer seelischen Erziehung?
Antwort: Wenn ihr nur von der Kopf- oder Verstandesseite her erzieht, führt das dazu, dass ohne eure innere Liebe die kleinen Kinderseelen nur zu funktionieren haben. Dadurch sind von anfang an Konflikte zwischen den Kindern und euch vorprogrammiert. Wir dagegen bevorzugen eine Führung der Seele, das heißt eine Führung mit innerer Wärme, Herz und somit Liebe. Das Beste ist es allerdings, wenn die Wärme des Herzens mit der Logik des Kopfes Hand in Hand geht – und daraus eine Erziehung der Vernunft entsteht. Außerdem benötigt ihr viel Zeit für eure Kinder; andernfalls dürft ihr euch nicht wundern, wenn sie abweisend reagieren und in schlechte Freundes- und Erwachsenenkreise gelangen.
Frage: Welche weiteren Aufgaben hat die seelisch-geistige Erziehung? Antwort: Sobald das Kind in der Lage ist, seine Umwelt zu erfassen, sollten die Eltern beginnen, ihm diese nahezubringen und vor allem ein geistiges Umweltbewußtsein vermitteln. Erklärt dabei den Kindern, dass den Menschen die Erde nicht gehört, sondern sie ihnen nur als Wohnung überlassen wurde im Sinne eines kosmischen Zuhauses
Um das den Kindern eindrucksvoll zu erklären, solltet ihr mit ihnen ausgedehnte Spaziergänge und Fahrten in die Natur unternehmen, um ihnen das irdische Leben näher zu vermitteln. Die Frage, wer die Natur und Welt geschaffen hat, wird auf diese Art und Weise viel einfacher zu beantworten sein, da ihr, zusammen mit euren Kindern, ihnen die sichtbaren Werke des großen Schöpfers und Architekten des Universums zeigen und erklären könnt. Schon aufgrund der Erkenntnis, dass die Natur ein Baustein ist – ein Bindeglied zwischen der geistigen Welt und eurer irdischen Existenz – wird den Kindern klarer, dass es das göttliche Dasein gibt. Denn durch die Wunderwelt der Natur öffnet sich eine Türe zur geistigen Welt.
Frage: Besonders heute sind auch schon viele junge Menschen desorientiert und empfinden ihr Leben als ziemlich sinnlos. Inwieweit kann eine religiöse bzw. ethisch geprägte Erziehung dazu beitragen, dass sich die Kinder Werte und Moralvorstellungen aneignen und damit einen Lebenssinn finden?
Antwort: Kinder müssen von euch so begleitet werden, um erkennen zu können, dass sie Gottes Geschöpfe sind und durch dementsprechende Energien oder Schwingungen mit dem Göttlichen verbunden sind. Gerade kleine Kinder lassen sich in dieser Richtung sehr gut leiten, weil sie noch die Prägung des geistigen Reiches in sich spüren.
Allerdings werdet ihr mit eurer gegenwärtigen Moral und ihren Werten in der Angelegenheit nicht viel bei den Kindern erreichen, wenn sie größer werden. Denn eure Religionen und moralischen Wertevorstellungen laufen viel zu sehr über die rationale Kopfebene und wenig über euer Herz und die Seele. Das heißt, sie beruhen überwiegend auf äußeren Konventionen und scheinmoralischen Werten – dagegen wenig auf inneren Überzeugungen und Werten.
Frage: Die Welt wird immer komplexer, schwieriger und stressiger. Die Zukunft ist unbekannt.
Wie kann man seine Kinder darauf sinnhaft vorbereiten?
Antwort: Wichtig ist, dass besonders die Eltern den Kindern Sicherheit, Struktur und Rahmenbedingungen bieten. Das beutet, dass die Beziehungs- und Kommunikationsebene eine sehr gefestigte sein muß. Eltern müssen erkennen, wann Kinder in Nöten sind und in emotionale Schwankungen geraten. Dies ist leider bei euch in vielen Bereichen abhanden gekommen, nämlich dass die Erwachsenen gar nicht mehr mitbekommen, wenn Kinderseelen weinen. Das Gespür dafür, das heißt die feinstofflichen Schwingungen sind verlorengegangen. Das Bindeglied Vertrauen und Schutz zwischen Kindern und Eltern ist sehr häufig gestört und nicht sehr tragend. Eltern müssen jedoch durch ihr Vertrauen und den Schutz ihren Kindern einen Rahmen bieten, so dass die Kinder, ohne ängstlich und orientierungslos zu werden, gelassen in die Zukunft blicken können.
Frage: Was ist, wenn die Erziehung für die Kinder nicht positiv verläuft? Lädt man sich damit als Eltern ein neues Karma auf?
Antwort: Wenn eine negative Erziehung einem Kind zum Schicksal wird, dann wird der negative Führungsstil den Eltern zum Schicksal werden. Denn für alles gibt es einen gerechten Ausgleich – oft noch in diesem Leben.
Ein schlechter Führungsstil der Eltern schlägt sich besonders im emotionalen Bereich der Seele nieder, die mit bestimmten Aufgaben und Einstellungen auf die Erde kam, aber von den Eltern gebremst wird, wenn zum Beispiel berufliche Ausbildungen von den Eltern gewünscht oder vorgeschrieben werden, die dem inneren Anliegen der jungen Seele völlig zuwiderlaufen. Zumeist beginnt sich dann die kindliche Seele zu wehren und das läuft über ihre sämtlichen feinstofflichen Körper. Es kann dann soweit kommen, dass das Kind ernsthaft erkrankt – und die Eltern, Erzieher und Ärzte vor einem Rätsel stehen.
Frage: Wie können Kinder lernen, spirituelle Erfahrungen auch für ihr späteres Leben bewußt zu speichern, anstatt sie zu unterdrücken oder zu vergessen?
Antwort: Zuerst ist es notwendig, dass die erziehenden Erwachsenen überhaupt über dieses Phänomen bescheid wissen. Die Unwissenheit darüber ist bei euch auf Erden erschreckend gross. Es gibt nur sehr wenige Erwachsene, die von der Existenz der feinstofflichen Welt wissen und sich bewußt zu ihr bekennen.
Nur spezielle und mediale Menschen, die die Feinstofflichkeit bejahen, können Kinderseelen dabei begleiten. Sie werden die Kinder nicht belächeln, wenn sie Äußerungen machen, dass sie Wesenheiten oder Lichtebenen sehen, sondern sie darin unterstützen.
Deshalb sind gerade die Kinder die eigentlichen Lehrer, die den Erwachsenen dahingehend die Augen öffnen. Denn Kinderseelen und ihr Blick in die Feinstofflichkeit sind ausgezeichnete Botschafter dafür, die Phänomene der geistigen Welt den Eltern und Erziehern mitzuteilen. Genau das besagen auch die Worte Christi, die er an die Erwachsenen richtet: „Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen!“
Die Beispiele zeigen erstens, wie unersetzlich die erzieherische Plege der Seele ist; und zweitens, welche Einflüsse die feinstofflichen Wesen aus der geistigen Welt hierbei auf Eltern und Kinder ausüben können. Speziell in den beiden Punkten liegt die wesentliche Aufgabe der spirituellen und spiritistischen Erziehung, indem sie das Kind nicht von der nur materiellen Seite des Werdens her begreift, sondern es in seiner Gesamtheit in Form von Körper, Seele und Geist erkennt.
Wenn wir von dieser Einsicht geleitet sind, werden wir einen ganz veränderten Bezug zu uns selbst – und damit auch zum Kind gewinnen. Das zeigt sich dann unter anderem in den folgenden fünf Bewußtseinshaltungen:
1. Wir wissen, dass im Kind eine Seele ruht, in der ganz eigene Erfahrungen gespeichert sind. Deshalb versuchen wir, diese dementsprechend zu beachten, zu fördern und zu akzeptieren, selbst dann, wenn die seelischen Eigenschaften des Kindes gegen unsere eigenen Ansichten und Ansprüche gerichtet sind.
2. Damit zusammenhängend, dass das Kind in einem anderen Leben auch schon einmal ein Erwachsener war, und womöglich in der Mutter- oder Vaterrolle stand, werden wir seine Persönlichkeitsentwicklung anders sehen und sie viel gelassener respektieren können.
3. Da wir, bevor wir inkarnierten, mit verschiedenen Seelen noch im Jenseits vereinbarten, uns auf der Erde zum Beispiel als Ehepartner, Tochter, Sohn, Freund oder Geschäftspartner wiederzusehen, werden wir anders mit unseren Partnern umgehen und versuchen, Situationen und Meinungsverschiedenheiten anders zu lösen bzw. zu betrachten, und zwar unter der Frage: „Was habe ich durch diese und jene schwierige Situation zu lernen?“
4. Dadurch, dass unser jetziges Leben auf diesem Planeten nur eines von vielen ist, wachsen wir spirituell und werden von Inkarnation zu Inkarnation sensibler, toleranter, verständnisvoller und reifer. Haben wir dann einen bestimmten geistigen Punkt erreicht, kehren wir nicht mehr in die physische Grobstofflichkeit zurück, sondern lernen auf einem geistig feinstofflicheren Planeten oder in den reinen geistigen Sphären weiter.
5. Aufgrund des Gesetzes von Ursache und Wirkung wissen wir, dass alles das, was wir anderen im Postiven oder Negativen zufügen, selbst einmal erfahren werden. Daher ist es die logische Konsequenz , dass man in Zukunft noch mehr als bisher auf seine Gedanken, Worte und Taten achtet. Denn, „was man sät, das erntet man!“
Lassen Sie mich dieses Ursache-Wirkungs- oder Karmagesetz zum Abschluß des Vortrages auch aus der Sicht des jüdischen Talmut betrachten – und es zugleich zu einem der wichtigsten spirituellen erzieherischen Leitziele erheben:
Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte,
achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen,
achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten,achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakater,
achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.
Alles Grundlegende, was wir in Gedanken, worten und Werken tun, beruht nicht auf dem nackten Zufall, sondern verweist in vielen Fällen auf einen spirituellen Hintergrund – auf ein (karmisches) Meta.
Zum einen steht dieses unser Tun im untrennbaren Zusammenhang mit dem Karma-Gesetz, das wir aus der geistigen Welt in die stoffliche Welt mitbrachten, und von dieser wieder (in veränderter Form) in die geistige Welt zurückbringen.
Zum anderen ist es jedoch nicht so, dass das Karma-Gesetz uns sklavisch zwingen würde, indem wir uns von ihm überhaupt nicht befreien könnten. Denn dank unseres Ich-Bewußtseins haben wir trotz aller karmatischer Verstrickungen auch einen freien Willen. Er gibt uns die Freiheit, unser Karma zu erkennen und es auf Erden dementsprechend zu verändern bzw. abzubauen.
Speziell in dieser Erkenntnis liegt eine der wesentlichsten Aufgaben der Erziehung von heute und morgen.
Karma = Prädestination + freier Wille !!
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